7 Gründe, warum ich die Traumatherapie Somatic Experiencing liebe

Seit ich vor einigen Jahren die Ausbildung in Somatic Experiencing gemacht habe, fasziniert und begeistert mich diese Arbeit. Körper / Seele / Geist bilden eine Einheit und können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Die berührenden Prozesse, die ich begleiten durfte, sowie die kleinen Veränderungen im Nervensystem, die oft nach einer Sitzung zu beobachten sind, bestärken mich darin, hier eine optimale Methode gefunden zu haben. Darüber hinaus ergänzt sie sich wunderbar mit Rolfing, meinem zweiten Standbein.

Was genau mir an Somatic Experiencing so gut gefällt, darum geht es hier in diesem Blogbeitrag. Schau doch mal rein!

1. Ein Trauma liegt nicht im Ereignis, sondern in deiner Reaktion auf dieses Ereignis

Ich liebe diese Definition von Trauma. Ein Trauma entsteht, wenn zu viel, zu schnell, zu plötzlich passiert und du vor Angst und Schreck nicht mehr handlungsfähig bist. Und das ist subjektiv und kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Zwei Menschen können den gleichen Autounfall erleben, aber nur einer wird davon traumatisiert. Ein Trauma ist also nicht das Ereignis als solches, sondern die Reaktion deines Nervensystems auf dieses Ereignis.

Mir gefällt daran, dass dein persönliches Erleben ernst genommen wird. Du kannst unter Traumafolgeströungen leiden, auch wenn es „nur ein Blechschaden“ war. Du kannst darunter leiden, dass du dein Kind während Corona ohne Unterstützung deines Mannes zur Welt bringen musstest, auch wenn „das Kind doch gesund ist“.

Vielleicht hast du etwas erlebt, von dem du sogar selber denkst „so schlimm war das war doch gar nicht“, – wir selber sind ja oft besonders streng mit uns – trotzdem lässt es dich nicht los. Dein Verstand sagt das eine, aber dein Körper spricht eine ganz andere Sprache. Somatic Experiencing nimmt das ernst, was Dein Körper zu sagen hat.

2. Traumatischer Stress wird im Nervensystem gespeichert und kann entladen werden

Ich liebe diese Erkenntnis von Dr. Peter Levine, dem Entwickler von Somatic Experiencing. Er hat festgestellt, dass Tiere in freier Wildbahn den Stress lebensbedrohlicher Situationen buchstäblich abschütteln. Auf youtube gibt es ein sehr eindrückliches kleines Video dazu: „Impala in and slowly out of collapsed immobility“

Das Tolle ist, das wir Menschen chronischen oder traumatischen Stress über körperliche Reaktionen ebenso entladen können. Spontane tiefe Atemzüge, gähnen, schwitzen, Tränen oder zittern können Stress lösen bzw. verhindern, dass er sich im Körper überhaupt erst festsetzt. Grundsätzlich ist dein Nervensystem sehr flexibel, d. h. es wechselt ständig zwischen verschiedenen Graden von An- und Entspannung hin und her. Diese Flexibilität geht durch ein Trauma verloren, dein Nervensystem bleibt in der Anspannung stecken. Die Arbeit mit dem autonomen Nervensystem, um wieder mehr Spielraum zu schaffen, finde ich ungeheuer faszinierend.

Ball als Symbol für ein offenes Nervensystem

Im Alltag hilft dir die Energie, die unser Körper bei Stress entwickelt, leistungsfähig und präsent zu sein. Sagen wir, du musst eine Präsentation halten, bist auf den Punkt konzentriert und beantwortest alle Fragen mit Bravour. Es ist zwar aufregend, aber du machst das nicht zum ersten Mal und hast Vertrauen in dich. Ist der Moment vorüber, beruhigt sich dein Körper wieder.

Aber was, wenn der Verlauf ein anderer wäre? Du sprichst nicht gerne vor vielen Menschen, bist sehr aufgeregt und stellst mit Schrecken fest, dass dein Kopf plötzlich ganz leer ist. Du bekommst kein Wort raus, verlässt fluchtartig den Raum und möchtest am liebsten im Erdboden versinken. In diesem Fall beruhigt sich dein Körper nicht wieder, wenn der Moment vorüber ist.

Ball als Symbol für ein angespanntes Nervensystem

Natürlich ist die Situation rein faktisch gesehen vorüber. Dein Verstand weiß das auch genau, aber der kann hier nicht viel ausrichten. Denn dein Nervensystem sitzt am längeren Hebel und das ist anderer Meinung: die Gefahr ist keinesfalls vorüber! Deshalb bleibt es aktiviert und wachsam. Die als vorübergehender Zustand gedachte Mobilisierung und Aktivierung wird mehr oder weniger zum Dauerzustand.

Somatic Experiencing adressiert genau diese Stressreaktion deines autonomen Nervensystems und hilft ihm aus der Festgefahrenheit heraus wieder in den natürlichen Rhythmus von wechselnder An- und Entspannung zu kommen. Das finde ich wahnsinnig interessant und spannend.

3. Somatic Experiencing hilft dir, unbewusste Erinnerungen bewusst zu machen und dann als vergangen abzulegen

Ich liebe es, dass es möglich ist, über den Körper Zugang zu unbewussten Erinnerungen zu bekommen. Dein Körper erinnert sich an alles, was in deinem Leben passiert ist.

Das Erspüren von Körperempfindungen wie angenehm / unangenehm, leicht / schwer, einem Gefühl von Erdung oder von Bewegungsimpulsen bringt dich in Kontakt mit Emotionen oder Gedanken, über die du sonst schnell hinweggehst. Sei es, weil sie unangenehm sind, sei es, weil sie dir gar nicht bewusst sind. Oft können durch Hinspüren Emotionen, Gedanken oder Bilder auftauchen, die kognitiv nicht zugänglich gewesen wären. Sind diese erstmal in deinem Bewusstsein, können sie bearbeitet werden und dein Nervensystem kann lernen, dass diese Erinnerung der Vergangenheit angehört. Das ist entscheidend, um die Kampf- / Fluchtreaktion zu beenden, die nach einer traumatischen Erfahrung unbewusst immer weiter läuft.

4. Somatic Experiencing stärkt dein Körperbewusstsein

Ich liebe die Klarheit, die ein gutes Körpergefühl vermitteln kann, sowohl bei alltäglichen Begebenheiten als auch in der Arbeit mit Trauma. Unser autonomes Nervensystem kommuniziert mit uns über Körperempfindungen und signalisiert sehr genau, ob es das, was gerade ist gut findet, oder nicht. Dafür aufmerksam zu sein ist im Alltag ein guter Kompass und essentiell, um uns von einer traumatischen Erfahrung zu erholen.

Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal einen MRT-Termin in der Radiologie. Wart ihr schon mal in der Röhre? Selbst wenn nicht, könnte ich euch vermutlich vorstellen, dass das nicht so angenehm ist. Alles hat gut geklappt, trotzdem habe ich hinterher im Auto gemerkt, dass ich innerlich noch ein bisschen aufgeregt war. Früher wäre mir das gar nicht aufgefallen, ich hätte nicht weiter darauf geachtet. Dieses Mal habe ich mir etwas Zeit genommen. Ein paar Atemzügen und die ersten 3 Schritten von EmotionAid haben meinem Nervensystem geholfen sich zu regulieren. Innerlich wieder ruhig, konnte ich gut wegfahren.

Nach einer traumatischen Erfahrung kann es schwierig sein, den Körper wahrzunehmen. Es lohnt sich unbedingt, sich auf die Reise zu machen und ihn wieder als Freund zu entdecken.

Schmetterlingsklopfen

5. Somatic Experiencing verhilft zu neuen Erfahrungen von körperlich empfundener Sicherheit

Ich liebe diesen Ansatz: Heilung findet statt, wenn dein Körper neue Erfahrungen von Sicherheit machen kann. Das beginnt in einer Sitzung schon bei der Anordnung der Stühle im Raum: Fühlt sich der Abstand gut an, oder möchtest du vielleicht die Blickrichtung verändern? Zeit lassen, um anzukommen, damit du dich so sicher fühlst, wie es gerade eben möglich ist, ist wichtig.

Dann können wir damit schon starten: Wenn dieser Abstand zwischen uns sich gut anfühlt, was nimmst du dann im Körper wahr? Es geht immer wieder auch darum, Stellen im Körper zu finden, die sich gut oder zumindest neutral anfühlen und diese dann wachsen zu lassen. Peter Levine spricht hier von kleinen Inseln der Sicherheit, die sich zu größeren verbinden können.

6. Somatic Experiencing pathologisiert nicht

Ich liebe es, dass Somatic Experiencing auf Augenhöhe arbeitet und nicht pathologisiert, d. h. dich als krank bewertet. Nach schlimmen Erfahrungen denken viele Menschen, mit ihnen stimme etwas nicht oder sie fühlen sich schuldig. Kennst du das auch? Dabei sind deine Reaktionen oder Symptome völlig normale Reaktionen auf das, was du erleben musstest. Unnormal waren die Umstände und Ereignisse, nicht die Reaktionen deines Nervensystems auf diese Ereignisse. Und: Du bist nicht schuld!

Diese wertschätzende Einstellung finde ich sehr wichtig und ist für viele Klienten sehr entlastend.

7. Du musst nicht genau erzählen, was du erlebt hast

Ich liebe die sanfte und vorsichtige Annäherung an dein Thema. Es geht nicht darum, dass du dir alles von der Seele redest. Im Gegenteil, alles erzählen würde bedeuten, dass du die gleiche Angst und Aufregung erneut erleben müsstest und das käme einer Retraumatisierung gleich.

Wir bleiben erstmal am Rande der Geschichte und schauen, wie es dir und deinem Nervensystem damit geht. Natürlich muss ein bisschen Aufregung da sein, um zu arbeiten, aber eben nicht zuviel. Es gilt, in deinem Toleranzfenster zu bleiben, also in einem Bereich, der zwar fordernd, aber nicht überfordernd ist.

Welcher Vorfall macht dir zu schaffen? Schick mir gerne eine E-Mail unter stefaniewschmidt@googlemail.com, um ein kostenloses Informationsgespräch zu vereinbaren.

6 Kommentare

  1. Liebe Stefanie,
    das ist ein ganz wunderbar informativer und angenehm zu lesender Artikel.
    Ich habe im Kontext meiner Arbeit angefangen, mich mit „somatic exercises“ zu beschäftigen, stecke zwar noch in den Anfängen, aber fühle mich durch Deinen Artikel sehr bestätigt, mich da auch weiterhin und noch tiefergehend mit zu beschäftigen. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie belastend – halt, der zweite Absatz im ersten Kapitel hilft mir, mich jetzt auch zu trauen, traumatisierend zu sagen – es ist, mit Geburtsverletzungen, Prolaps und Inkontinenz zu leben.
    Danke!
    Ich gehe mich mal ein bisschen ausschütteln jetzt, denn ein bisschen musste ich beim Lesen auch gerade weinen, weil … ach, ich kann es gar nicht in Worte fassen, aber Du ahnst es vermutlich. Es ist auf jeden Fall nichts Schlechtes.
    Herzliche Grüße
    Aimée, die sich auf noch mehr Artikel von Dir freut! <3

    1. Liebe Aimée, Dein so persönliches Feedback berührt mich. Ausschütteln ist gut und weinen ist auch regulierend, werde ich gleich noch nachtragen. Danke, für diese Zeilen!

  2. Ein buchstäblich sehr liebe-voller Artikel, Stefanie! Ich kann deine Freude an der Methode richtig fühlen. Und kann mir nach der Lektüre gut vorstellen, wie du sehr empathisch Menschen mit einem Trauma Sicherheit gibst und sanft dabei begleitest, ihr Nervensystem wieder zu beruhigen.
    Besonders ansprechend und erleichternd finde ich diesen Satz: „Unnormal waren die Umstände und Ereignisse, nicht die Reaktionen des Nervensystems auf diese Ereignisse.“

  3. Liebe Stefanie,

    Ein sehr guter Artikel, durch den ich jetzt auch besser verstanden habe, was dein Ansatz ist.
    Jeder hat beim Lesen wahrscheinlich etwas gefunden, was ihn/ sie anspricht. Ich fand besonders wichtig den Satz: Ich bin nicht schuld !
    Wie oft fragt man sich, was hätte ich anders machen können, anders reagieren und kann einfach nicht los lassen.
    Gut, dass es Möglichkeiten und Hilfen gibt, damit individuell umzugehen.

    Ganz liebe Grüße,
    Ute

    1. Liebe Ute, danke für dein Feedback. Ja, das ist eine wichtige und heilsame Erkenntnis. Ich freue mich, dass der Satz in dir angeklungen ist 🙂
      Liebe Grüße Stefanie

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