Was ist Traumaheilung und was nicht?

Gibt es irgendwann den Punkt, an dem ich geheilt bin? Ist es dann so, als sei nichts passiert? Und wie lange dauert das? Diese und ähnliche Fragen begegnen mir in der Praxis immer wieder.

Diese Fragen lassen sich nicht in einem Satz beantworten, deshalb möchte ich hier gerne ein bisschen ausführlicher darauf eingehen.

Warum die Zeit nicht nicht alle Wunden heilt, oder – was passiert bei einem Trauma in meinem Nervensystem?

Wenn du Schlimmes erleben musstest verlierst du dein inneres Gefühl von Sicherheit und Verbundheit, zu dir selber und zu anderen.

Eine solche Erfahrung verändert dein autonomes Nervensystem. Das ist der Teil des Nervensystems, der alles steuert, was dich am Leben hält und das – wie der Name schon sagt – völlig autonom, also ohne dein bewusstes Einwirken: deine Atmung, deinen Herzschlag, die Verdauung, die Fortpflanzung und vor allem auch deine Stressreaktion auf wahrgenommene Gefahr bzw. Lebensgefahr: Kampf, Flucht, Erstarrung.

Ein gesundes Nervensystem pendelt täglich viele Male flexibel zwischen An- und Entspannung hin und her. Ein traumatisiertes Nervensystem bleibt in der Anspannung, bleibt alarmiert, als sei die Gefahr noch nicht vorüber. Dann ist es kaum mehr möglich innerlich zur Ruhe zu kommen. Dein Nervensystem bewertet zukünftig Menschen oder Situationen viel schneller als potentiell bedrohlich und reagiert mit den gelernten Verteidigungsmustern, die sich in der Vergangenheit als erfolgreich bewährt haben: Kampf oder Flucht oder Erstarrung.

Dein autonomes Nervensystem möchte deine Sicherheit gewährleisten, auch wenn es dabei über das Ziel hinausschießt. Mir ist es wichtig zu verdeutlichen, dass dein Körper dich nicht verrät, sondern aus einer guten Absicht heraus handelt. Symptome können nachlassen, wenn dein autonomes Nervensystem mehr Sicherheit erlebt.

Was ist Traumaheilung nicht?

Wenn ich geheilt bin ist es so, als wäre nichts passiert?

Nein, leider nicht. Es gibt nicht diesen einen Zeitpunkt, an dem du alles hinter dir gelassen hast. Diesen einen Moment, ab dem dich nichts mehr triggert oder dir nichts mehr weh tut und alles so ist, wie es mal war oder wie es ohne deine Erfahrungen hätte sein können.

Abgesehen davon, dass das Lebens uns natürlich immer wieder aufs Neue Aufs und Abs beschert, mit denen wir umgehen müssen, lässt sich das, was geschehen ist nicht rückgängig machen. Die Verletzungen, die Wunden sind da und sie haben dich verändert. Das bedeutet allerdings nicht, dass du nicht trotzdem ein erfülltes und glückliches Leben führen kannst, nur eben ein anderes.

Heilung verläuft stetig bergauf?

Heilung verläuft individuell unterschiedlich und ist vor allem ein Weg, ein Prozess. Allerdings kein gradliniger Prozess, bei dem es stetig bergauf geht, sondern einer mit Höhen und Tiefen und Plateaus. Es kann sein, dass du zwischendurch das Gefühl hast, es tue sich gar nichts, um dann wieder einen Sprung nach vorne zu machen.

Muss ich mich erinnern können, um eine Traumatherapie zu machen?

Nein, das musst du nicht, insbesondere dann nicht, wenn du dich von körperorientierter Traumatherapie unterstützen und begleiten lässt. Auch wenn du keine bewusste Erinnerung an deine Erfahrungen hast, dein Körper erinnert sich. Deine heutigen Körperreaktionen und Symptome, Emotionen und Verhaltensweisen in aktuellen Situationen sind Hinweise, mit denen wir arbeiten können.

Muss ich genau erzählen, was mir passiert ist?

Nein, das musst du nicht! Es gilt das gleiche wie im Absatz zuvor: Dein Körper erinnert sich und damit arbeiten wir. Wir können mit deiner Angst und wie sie sich im Körper zeigt (z.B. zugeschnürte Kehle, flache Atmung, Kälte in den Beinen) arbeiten, ohne dass du genau erzählst, was passiert ist.

Ohne Katharsis keine Traumaheilung?

Das stimmt nicht.

Es gibt therapeutische Ansätze, die eine Katharsis unterstützen. Das heißt, sie setzen dich bewusst deinem Trigger aus, um eine Desensibilisierung zu erreichen. So arbeite ich nicht!

Andere Ansätze, wie z. B. Somatic Experiencing, vermeiden eine zu starke Aktivierung deines Nervensystems, um dich nicht womöglich zu retraumatisieren.

Natürlich braucht es eine gewisse Aktivierung, damit wir mit deiner traumatische Erfahrung arbeiten können und damit sie gewandelt werden kann. Ausschlaggebend dafür, wie intensiv wir arbeiten, ist immer dein persönliches Toleranzfenster. Also der Bereich, der für dich noch tolerierbar ist, und wenn der anfangs noch sehr sehr klein ist, ist das völlig in Ordnung

Was ist Traumaheilung?

Deine Möglichkeiten, das Trauma (orange) zu halten, wachsen

Die Grafik verdeutlicht es sehr schön: das Trauma, die Verletzung (der orangene Kreis) bleiben, aber dein Container drum herum (der dunkelgrüne Kreis) vergrößert sich. Container steht für deine Fähigkeit, das Geschehene zu integrieren und es zu halten. Das Trauma beherrscht dein Leben nicht mehr, es definiert dich nicht mehr in dem Maße. Du bist mehr als dein Trauma!

Heilung bedeutet für mich u. a.

  • ein größeres Gefühl von Sicherheit in dir und in Beziehung zu der Welt zu entwickeln
  • langsam wieder in Kontakt mit dir und deinem Körper zu kommen und zu lernen, unangenehme Körperempfindungen zu halten ohne dissoziieren zu müssen.
  • mit Präsenz und aus dem jeweiligen Moment heraus bewusst auf Menschen oder Situationen zu reagieren und nicht automatisch auf gelernte Verteidigungsmechanismen zurückgreifen zu müssen, wie Zorn oder Rückzug oder Dissoziation
  • Symptome können sich wandeln, wenn dein autonomes Nervensystem versteht, dass die Gefahr vorüber ist und sich nicht mehr ständig verteidigen muss
  • deine Grenzen zu wahren und deine Bedürfnisse zu kommunizieren, auch wenn das für dein Umfeld unbequem ist
  • wütend sein zu dürfen, wenn deine Grenzen verletzt werden
  • Selbstmitgefühl zu entwickeln und das, was du durchgemacht hast zu würdigen, ohne es zu relativieren. Häufig sagen KlientInnen Sätze wie „so schlimm war es ja gar nicht“ oder „anderen geht es viel schlechter“. Dein Leid zählt und das will gesehen werden, bevor es heilen kann.

Traumatische Erfahrungen zu heilen, lieber sage ich, zu integrieren, ist Arbeit und kein leichter Weg. Es geht auch leider nicht, ohne dass du dich den schmerzhaften Erfahrungen zuwendest, aber wir können die Dosierung steuern.

Ich begleite und unterstütze dich auf diesem Weg und halte für dich den Raum, damit du einen sicheren Platz hast, dich in deinem Tempo dem Schmerzlichen zuzuwenden, es anzuschauen und zu verarbeiten.

Schreib mir eine Email unter stefaniewschmidt@googlemail.com und vereinbare dein kostenloses Informationsgespräch.

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Kategorisiert in Trauma

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